Kartoffelkombinat

29. September 2019

Als Bewohner*in eines Mehrfamilienhauses in der Wendl-Dietrich-Straße in München kann man jeden Mittwoch ein besonderes Schauspiel verfolgen: Ab dem späten Nachmittag tauchen da plötzlich fremde Menschen im Hinterhof auf, verschwinden über eine Außentreppe im Keller und kommen kurz darauf schwer beladen mit Taschen wieder heraus. Auch wir gehören seit rund einem Vierteljahr zu diesen Menschen, die wöchentlich im Keller verschwinden. Und entgegen aller Erwartungen handelt es sich dabei nicht um den Verteilpunkt eines gut vernetzten Drogenrings.

Stattdessen gehört erwähnter Keller Ulla, die ihn als Lagerraum für das Kartoffelkombinat angemietet hat. Und das Kartoffelkombinat wiederum – dem man schon allein aufgrund des Namens beitreten möchte – ist eine solidarische Landwirtschaft (für die es natürlich eine traditionell bescheuerte Abkürzung geben muss: Solawi), also ein landwirtschaftlicher Betrieb, der sich aus den Beiträgen seiner Genoss*innen finanziert, die dafür Ernteanteile erhalten.

Ernteanteil heißt, zumindest beim Kartoffelkombinat: Eine grüne Gemüsekiste, die wöchentlich an einer Verteilpunkt abgeholt werden kann. Darin finden sich – natürlich – oft Kartoffeln, aber auch sonst jede Menge Bio-Gemüse, das gerade auf in der Kartoffelkombinat-Gärtnerei geerntet werden kann. Was in der Kiste steckt, steht vorab zum Beispiel auf Instagram – viel schöner finde ich es aber, mich überraschen zu lassen. Regelmäßig steckt in der Kiste auch Gemüse, das ich bislang überhaupt nicht kannte (zuletzt etwa: Puntarelle). Praktischerweise steckt in jeder Kiste aber auch ein kleines Faltblatt, das zum einen aktuelle Informationen zum Kartoffelkombinat umfasst, zum anderen aber auch auflistet und erklärt, was in dieser Woche im Ernteanteil ist und wie es am besten zubereitet wird. In dieser Woche gab es zum Beispiel: Rote Beete, Salat, Kartoffeln, Mangold, Spargelsalat, Blumenkohl und Mini-Gurken. Wir leben zu zweit und sind mit der normal großen Kiste gut versorgt. Ein bisschen Gemüse kaufen wir zwar auch weiterhin noch separat, der Großteil stammt inzwischen aber aus unserer wöchentlichen Kiste. Dank ebenjenem Faltblatt habe ich in den vergangenen Monaten zudem mehr über Landwirtschaft (und die damit einhergehenden Herausforderungen) gelernt als in meinem ganzen Leben zuvor.

Wahlweise gibt es eine normale oder eine kleine Kiste, dich sich in Preis und Inhalt leicht unterscheiden. Da es sich beim Kartoffelkombinat um eine Genossenschaft handelt, wird bei der Anmeldung außerdem (mindestens) eine Einlage von 150 Euro fällig (die es zurückgibt, falls die Mitgliedschaft endet).

Dank Ulla haben wir das große Glück, unsere Kiste in einem (winzigen!) Keller abholen zu können, zu dem wir mit einem eigenen Schlüssel Zugang haben – und zwar rund um die Uhr. Tatsächlich gibt es in München und drumrum aber etliche Verteilpunkte und viele von ihnen sind auch am späten Abend noch zugänglich.

Wer beim Kartoffelkombinat mitmacht, bekommt im Jahr insgesamt 46 Kisten sowie vier Joker, um zum Beispiel im Urlaub aussetzen zu können. Pro Monat fallen beim normalen Ernteanteil derzeit Kosten von 75 Euro an, die kleinen Ernteanteile kosten monatlich 50 Euro. Aktuell umfasst dieser Betrag eine Aufbau-Umlage in Höhe von 7 Euro für die Gärtnerei des Kartoffelkombinats – dieser Beitrag fällt perspektivisch weg. Auf Wunsch ist es möglich, zu jeder Gemüsekiste auch 500 Gramm oder ein Kilo (sehr leckeres) Brot zu bekommen – das kostet dann zusätzlich 2,25 beziehungsweise 4,5 Euro und kann recht flexibel immer bis Freitag-Mittag für die nächste Woche bestellt werden. Der Preis für die Kartoffelkombinat-Kisten ist nicht super günstig und wahrscheinlich würde man im Bio-Markt eine ähnliche Gemüse-Menge für etwas weniger Geld bekommen – aber gleichzeitig macht es viel mehr Spaß, Mitglied des Kartoffelkombinats zu sein.

Testphasen sind möglich, dauern sechs oder sieben Wochen, jede Kiste kostet in dieser Zeit 11,20 (klein) oder 17,50 (groß) Euro.